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Frau Neumann-Hoschek (Physiotherapeutin)

- seit 1992 an der Schule -

Interview

Welchen Beruf hast du erlernt, welche Ausbildung hast du?

Zuerst habe ich den Beruf der Arzthelferin erlernt, im Anschluss habe ich am Kolleg in Wolfsburg das Fachabitur absolviert. Erst danach konnte ich meinen Traumberuf als Krankengymnastin (in Osnabrück) erlernen.

Wo hast du gearbeitet, bevor du zu Ernst-Klee-Schule gekommen bist?

Bevor ich an der Schule anfing, habe ich in zwei Krankenhäusern in Hannover gearbeitet, in einer Klinik in Osnabrücksowie in einer krankengymnastischen Praxis mit dem Schwerpunkt Säuglings- und Kinderbehandlung.

Wie bist du zu Ernst-Klee-Schule gekommen? Und wann war das? Wer hat dich an der Schule angestellt?

Auf die Schule bin ich im Herbst 1991 aufmerksam geworden. Auf einer Party hatte ich den damaligen leitenden Therapeuten Michael Weinmann kennengelernt. Wir hatten ein interessantes Gespräch über Therapien und die Förderschule. Da schon während meiner Ausbildung mein größtes Interesse in der Kinderbehandlung lag, habe ich nicht lange gezögert und mich auf die freiwerdende halbe Stelle beworben.

Am 1. März 1992 wurde ich von Herrn Westphal, dem damaligen Verwaltungsleiter, und Michael Weinmann eingestellt. Ab August 1992 hatte ich eine volle Stelle.

Was ist das Erste, an das du dich noch erinnern kannst?

Mich hat die Atmosphäre an der Schule von Anfang an begeistert. Die Schüler*innen, die Kollegen*innen alle waren so offen, neugierig, interessiert. Ich fand das alte Gebäude, in dem die Schule untergebracht ist, so schön und die jetzige Turnhalle, eine ehemalige Kapelle. Das alles hatte eine besondere ansprechende Atmosphäre.

Nach fast 30 Jahren Tätigkeit an der Schule ist die Atmosphäre immer noch klasse, aber räumlich hat das Gebäude seine Grenzen erreicht.

Wie sah die Schule in den ersten Jahren aus?

Eigentlich sah die Schule so aus wie heute. Die Räumlichkeiten und die Bestimmung der Räume haben sich verändert. Z.B. gab es neben dem Lehrerzimmer ein sogenanntes Raucher-Lehrerzimmer. Hier traf sich in den Pausen jeder, egal ob Pfleger, Lehrer, Therapeuten, Mitarbeiter, Zivis, um einen kurzen Austausch zu halten. Auch egal ob Raucher oder Nicht-Raucherin. Da funktionierte der Flurfunk. 

Wie ging es dann in den nächsten Jahren weiter? (Wer ist dazu gekommen? Wie hat sich die Arbeit verändert?

In den ersten Jahren habe ich unheimlich viel gelernt. Besonders durch meine Kollegin Irmgard Parascandula, die mich eingearbeitet hat. Aber auch die anderen Physiotherapeuten haben mir den Umgang mit Kindern mit motorischen Beeinträchtigungen gezeigt. Im zweiten Jahr durfte ich schon eine Zusatzausbildung als Bobath- Therapeutin machen. So konnte ich mein Fachwissen erweitern und habe ein besseres Fundament entwickelt, um die Schüler in ihren motorischen Fähigkeiten weiter zu fördern.

Es gab damals nur zwei Ergotherapeuten in der Schule, aber mehrere Physiotherapeuten. Mit Karin Hoberg habe ich am längsten zusammengearbeitet. Sie ist im letzten Jahr in den Ruhestand gegangen.

Besonders an der Schule war, dass wir bis zu zehn Gruppentherapien anbieten konnten. Wir nannten das immer PM Gruppen. Hier haben wir interdisziplinär, Ergotherapeuten und Physiotherapeuten, zusammengearbeitet. Das war eine produktive und sehr tolle Zeit. Es gab auch Gruppen für RollstuhlfahrerInnen. Manchmal musste ich als Physiotherapeutin fast wegsehen, wenn ich beobachtet habe, wie sich ein Schüler in seinem Muster bewegt. Heute mit meiner Erfahrung, kann ich das anders sehen. Auch in der Bobath-Therapie hat es einen Paradigmenwechsel gegeben.

Irgendwann hat die Schule durch eine große Spende das Air-Tramp angeschafft. Ein sogenanntes Luftkissen. Was bis heute mit viel Freude immer wieder zum Einsatz kommt.

Beschreibe mal eine typische Schulwoche vor 30 Jahren.

Morgens um 7:45 Uhr standen alle Therapeutentherapeuten*innen und Pfleger*innen draußen auf dem Schulhof und haben die Schüler, die mit dem Schulbus zur Schule gekommen sind, in Empfang genommen. Damals hatte jeder Rollstuhlfahrer einen Rollstuhl in der Schule stehen, dass hieß wir mussten schauen welcher Schüler kam und den entsprechenden Rollstuhl zum Taxi bringen. Hier fing schon unsere Arbeit an - der Transfer aus dem Bus in den Rollstuhl. Einmal gab es hier eine lustige Situation: ein Schüler konnte die Stufe nicht in oder aus dem Bus überwinden. Zum Tragen war er zu groß und zu alt. Eines Tages brachte der Busfahrer eine aus Holz gebaute Rampe mit. Sie sah ein bisschen wie eine Hühnerleiter aus. So konnte der Schüler ganz selbstständig ein- und aussteigen. 

In der ersten Unterrichtsstunde kamen immer die Muskeldystrophiker zu uns. Sie wurden von den Zivis begleitet. Sie fuhren selbstständig in einem Elektrorollstuhl. Mit Hilfe der Zivis wurden sie auf die Matten gelegt. Dort haben wir sie durchbewegt und Atemgymnastik gemacht. Am Ende der Stunde kamen die Zivis wieder und holten die Jungs wieder ab, damit sie in ihren Schulalltag starten konnten. Die Schüler*innen hatten, wie heute, Therapien, die in ihrem Wochenplan stehen, welche wir vorher mit den Lehrern abgesprochen haben.

Wir Therapeuten sind in die Klassen gegangen und haben geholfen, den entsprechenden Schülern in den Stehtrainer zu stellen. Damals gab es nur feststehende Stehtrainer. Oder wir sind in den aktiven Pausen mit nach draußen gegangen und haben den Schülern auf das Therapiefahrrad geholfen. Zu dem damaligen Zeitpunkt gab es Therapieräder mit drei Rädern zum Vorwärtstreten/-fahren und Rückwärtstreten/-fahren. So etwas hatte ich vorher noch nicht gesehen.

In den Mittagspausen sind wir in die Klassen gegangen und haben je nach Bedarf einen Schüler oder eine Schülerin beim Essen unterstützt.

Am Nachmittag ging die Therapie weiter. Je nach Jahreszeit gab es aber auch Aktionen zum Schlittenfahren oder es gab eine Wasserlandschaft an den heißen Tagen. Wir Therapeuten waren immer mit im Einsatz. Damals musste nicht jede Behandlung abgerechnet werden. Wir mussten noch keine Quote erbringen.

Wie heute ging der Unterricht bis 15 Uhr und am Freitag bis 12:30 Uhr. Unser Dienst ging täglich bis 16 Uhr. In der Zeit ohne die Schüler*innen haben wir uns mit den Lehrer*innen ausgetauscht, interne Fortbildungen gemacht und die Hilfsmittel geputzt. Alle vier Wochen haben wir Therapeuten*innen an den Gesamtkonferenzen teilgenommen. Dadurch waren wir bestens darüber informiert, was an der Schule passiert oder geplant wurde. Ebenso haben wir uns direkt mit einbringen können. Aus der heutigen Sicht würde ich sagen, waren wir mehr im Schulalltag integriert. 

Etwas ganz Besonderes war es für uns an einer Klassenfahrt teilnehmen zu können. Natürlich hieß es auch dort, die Schülerinnen therapeutisch zu fördern. Aber halt nicht auf Matte und Bank sondern im echten Leben.

Wie sah die Therapie aus in dieser Zeit? Hat sich an deiner Arbeit etwas verändert?

Oh ja, es hat sich einiges an meiner Arbeit verändert. Heute gibt es in jedem Raum einen Lifter und es gibt keine Zivis mehr, die uns helfen. Heute haben die Schüler*innen mit einer starken Beeinträchtigung einen Integrationshelfer. Die „I-Helfer“ werden von uns entsprechend angeleitet, wie sie im Alltag mit dem Schüler die Hilfsmittel nutzen: den Stehtrainer, der heute auch mobil ist, den Gehwagen, das Lauflerngerät, das Motomed usw. Durch einen Sponsorenlauf, Spenden, Förderverein und den LWL wurden in den letzten Jahren zwei Galileos (Vibrationsplatten) angeschafft. Das hat die Arbeit auch sehr verändert. 

Aber am stärksten hat meine Arbeit die Einführung der Verordnung und die Arbeit am PC verändert. Heute dokumentiere ich meine Arbeit sehr genau. Schreibe nach jedem vollen Rezept einen Bericht an den Arzt. Ich führe Dokumentationsbögen, fülle Listen, schreibe Emails mit Ärzten, Reha-Vertretern und Eltern. Ich darf meine Tätigkeit nur aufnehmen, wenn eine gültige Verordnung vorliegt. Das war vor zwanzig Jahren nicht so. Die damalige Zeit ohne die Verordnungsvorlage hat uns Therapeuten bedeutend mehr Zeit am Schüler gegeben. 

Ein besonderes Erlebnis aus deiner Anfangszeit, an das du gerne zurückdenkst?

Ja es gibt ein besonderes Erlebnis. Mein Mann und ich haben im Sommer 1997 in Osnabrück geheiratet. Als wir aus dem Standesamt herauskamen, standen Schülerinnen und Schüler mit Fähnchen und Blumen auf dem Platz und bildeten ein Spalier für uns. Das war ein tolles und unvergessliches Erlebnis. Und eine super Überraschung, da wir davon im Vorfeld nichts wussten. Es hatten sich einige Klassen, in denen ich überwiegend gearbeitet habe, zusammengetan und waren mit dem Bus zu unserer Hochzeit nach Osnabrück angereist. Mein Mann und ich erinnern uns immer wieder gerne an dieses tolle Ereignis zurück.

Gab es auch einen Vorfall, an den du nicht so gerne zurückdenkst?

Ja, auch den gab es. Ich bin in meinem ersten oder zweiten Jahr mit einer Schülerin, die einen Elektrorollstuhl bekommen hatte, für eine lebenspraktische Übung zum nahegelegenen K+K gefahren. Dort ist sie mit ihrem E-Rolli an einer Ecke hängen geblieben. Danach war der Elektrorollstuhl nicht mehr über den Joystick zu führen. Da ich mir nicht anders zu helfen wusste, habe ich versucht den großen schweren Rollstuhl zu schieben. Das ist mir nicht besonders gut geglückt. Die Schülerin hatte eine starke Beeinträchtigung und konnte nicht sprechen. Ich wollte sie nicht einfach so auf dem Weg stehen lassen, um Hilfe zu holen. Also schob ich so gut ich konnte. Es kam auch kein Passant vorbei, den ich um Hilfe hätte bitten können. In Mettingen ist es in der Mittagszeit sehr ruhig. Als ich in die Nähe der Schule kam, kam mir Michael Bäcker entgegen. Und sagte: „Ich müsste hinten am Rollstuhl, die kleinen Hebel nach innen bzw. nach außen kippen, dann könnte ich ihn besser schieben“. Da nur einer gekippt war, bediente ich den anderen Hebel und der E-Rolli war wieder in seiner vollen Funktion hergestellt. Ich weiß noch, wie super peinlich mir das alles war. Die Schülerin hat sich natürlich kaputtgelacht. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob sie von Anfang wusste, was ich hätte tun müssen.

Ich habe in dieser Stunde jedenfalls etwas Lebenspraktisches gelernt.

Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass sich die Schule deutlich verändert hat? Kannst du ein Beispiel nennen?

Als ich 2001 aus meiner Elternzeit zurückkam. Da gab es plötzlich einen PC, an dem ich arbeiten sollte. Und wir mussten auf Rezept arbeiten. Vorher hatte die Schulärztin die Verordnung ausgestellt und unterschrieben. Jetzt ist es der behandelnde Arzt. Heute wird viel dokumentiert, schriftlich festgehalten, wenn das Rezept, sorry der „Verordnungsfall“, abgearbeitet ist, muss ich über die Behandlungen einen Bericht schreiben und dem Arzt zukommen lassen. Ich muss Listen über die Hilfsmittel führen, schriftlich festhalten, wann und für wen ein Hilfsmittelvertreter kommt usw. Früher ging das alles mündlich bzw. über den Flurfunk. Heute muss jede Stunde abgerechnet werden.

Und nur wir vom therapeutischen Dienst müssen eine Quote erfüllen.

Wenn man fast 30 Jahre an einer Schule ist, dann muss es etwas geben, das Dir an der Ernst-Klee- Schule gefällt. Was ist das für dich?

Mir macht es immer noch sehr viel Freude mit den Schülerinnen und Schülern zu arbeiten. Vielleicht gerade durch ihre Behinderung sind sie etwas ganz Besonderes. Immer versuche ich herauszufinden, wie ich sie durch meine Therapie in ihrer Selbständigkeit fördern kann, damit jede/jeder den Alltag gut bewältigen kann. Das fasziniert mich und gibt mir einen besonderen Reiz in meinem Job. Das war am Anfang so und ist auch immer noch so geblieben.

Du hast drei Wünsche, um an der Ernst-Klee-Schule etwas zu ändern. Was wäre das?

Ich wünsche mir wieder, für jeden einzelnen Schüler und Schülerinnen mehr Zeit zu haben und sie auch außerhalb des Schulgeländes begleiten zu können.

Ich wünsche mir eine Art Fitnessstudio, beziehungsweise einen großen Raum für Trainingsgeräte, wie Laufband, Crosser, Ergometer, Gehbarren, Beinpresse etc. 

Als dritten Wunsch würde ich mir ein richtig schönes großes, helles Bewegungsbad wünschen.